Therapieansätze
Da man die Ursache der MS nicht kennt, kann es keine kausale (an der Ursache ansetzende) Therapie geben. Während sich aber das konventionelle Therapiespektrum über Jahre oder gar Jahrzehnte nicht weiterentwickelte, überschlagen sich etwa seit Mitte der 90er Jahre die Meldungen über neue wirkungsvolle Medikamente gegen MS. In einem Punkt sind sich alle Fachleute allerdings einig: Es gibt bis heute kein Medikament, das MS heilt.
Die verschiedenen Therapievorschläge und -möglichkeiten sollen hier dreigeteilt ohne Anspruch auf Vollständigkeit vorgestellt werden:
1) Therapien, die am Immunsystem ansetzen
Die medikamentöse MS-Therapie hat zum Ziel, den Verlauf der Erkrankung günstig zu beeinflussen, bestehende Symptome zu bessern und die Lebensqualität zu erhalten. Im Einzelen sind die Ziele der medikamentösen Therapie:
- Reduktion der Zunahme der Behinderung
- Vorbeugen von weiteren Schüben
- Behandlung des akuten Schubes
- Behandlung der auftretenden Symptome
Da man über die am Krankheitsgeschehen beteiligten Autoimmunreaktionen eine ganze Menge weiß, versucht man mit verschiedenen Medikamenten, in diese Prozesse krankheitsmildernd und -verzögernd einzugreifen.
Kortikosteroide
Besser bekannt als "Cortisone", haben sich Kortikosteroide seit langem zur Therapie des akuten Schubes bewährt. Da sie entzündungshemmend wirken, können Dauer und Folgen eines Schubes reduziert werden. Abhängig von aktuellen Forschungsergebnissen ändert sich von Zeit zu Zeit das bevorzugt eingesetzte Kortikosteroid, ebenso wie die bevorzugte Dosierung, Verabreichungsform und Anwendungsdauer. Zur Zeit wird noch eine drei- bis fünftägige hochdosierte Stoßtherapie mit intravenös verabreichtem Methylprednisolon oder Prednisolon favorisiert. Gleichzeitig gibt es schon eine Studie aus Großbritannien, in der genauso gute Ergebnisse bei siebentägiger oraler Gabe von niedrig dosiertem Methylprednisolon erzielt wurden. Nebenwirkungen sind bei kurzzeitiger Gabe von Kortikosteroiden selten. Bei einer Langzeittherapie treten Nebenwirkungen verstärkt auf. Außerdem ist eine langfristige Kortikosteroidtherapie bei MS relativ wirkungslos und wird nicht empfohlen.
Immunsuppressiva
Diese Medikamente stammen aus der Transplantationsmedizin und unterdrücken die Immunantwort, ein Effekt, von dem man sich auch bei MS positive Resultate verspricht. Deshalb werden verschiedene immunsuppressive Substanzen seit mehr als zwei Jahrzehnten zur Behandlung der MS eingesetzt. Besonders häufig kam und kommt in der Bundesrepublik Azathioprin (Präparatename: Imurek) zur Anwendung, während es in angloamerikanischen Ländern wegen seiner Nebenwirkungen abgelehnt wird. Studien belegen zwar, daß unter Azathioprin die Schubrate sinkt, positive, signifikante Effekte auf die Symptomatik konnten aber nicht nachgewiesen werden. Einige andere Immunsuppressiva werden wegen ausgeprägter Nebenwirkungen nur bei rasch progredientem Krankheitsverlauf eingesetzt.
Interferone
Inzwischen gibt es drei Interferone, bei denen man günstige Effekte auf die MS nachgewiesen hat. Das erste Interferon wurde in der Bundesrepublik 1995 zugelassen, und seither spricht man in Fachkreisen gerne von einem "Durchbruch" in der MS-Therapie. Festzustellen bleibt, daß MS nicht heilbar ist. Für die Interferon-Präparate konnte nachgewiesen werden, daß sie die Schubrate signifikant senken und daß die Entmarkungsherde im Kernspintomogramm deutlich günstiger aussehen als bei Kontrollpersonen, die keine Interferone erhielten. Weniger überzeugend sind die Ergebnisse zur Symptomatik: In einigen Studien konnte lediglich ein positiver Trend festgestellt werden. Die Schwere der Nebenwirkungen wird unterschiedlich beurteilt. Während Interferone bislang nur bei schubförmigem MS-Verlauf angewandt wurden, konnte eine Studie kürzlich auch den positiven Effekt bei progredientem Verlauf belegen. Ob MS-Betroffene tatsächlich großen Nutzen von Interferonen haben, ist noch nicht ganz klar. Klar ist jedoch, daß die Hersteller durch die Interferon-Präparate gut verdienen: Die Behandlung eines MS-Betroffenen kostet jährlich zwischen 20.000 und 30.000 Mark. So verbuchte der Schering-Konzern in den ersten drei Monaten 1998 durch sein Interferon-Präparat einen Umsatz von 180 Millionen Mark. Durch die neue Anwendung von Interferon bei progredientem Krankheitsverlauf erwartet der Konzern ein jährliches Umsatzplus von 150 Millionen Mark.
Glatirameracetat (Copolymer-1)
Auch für dieses Präparat wurde eine signifikante Senkung der Schubrate nachgewiesen. Das seit Herbst 2001 in Deutschland verfügbare Polypeptid Glatiramer bietet auf Grund seiner guten Wirksamkeit und Verträglichkeit eine Alternative in der Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose. Das gilt besonders dann, wenn andere für diese Indikation zugelassene Arzneimitteln wegen starker Nebenwirkungen oder Kontraindikationen nicht in Frage kommen. Glatirameracetat ist arzneilich wirksamer Bestandteil des Fertigarzneimittels Copaxone® der Firma Teva Pharmaceuticals Ltd., London, Großbritannien, mit zusätzlichem Vertriebsunternehmer Aventis Pharma Deutschland GmbH, Bad Soden.
Immunglobuline
Immunglobuline senken ebenfalls die Schubrate. Möglicherweise wird die Remyelinisierung (die erneute Ummantelung der entmarkten Nervenfasern mit Myelinscheiden) gefördert. Immunglobuline gelten noch nicht als Standardtherapie, werden aber für Frauen mit Kinderwunsch, während der Schwangerschaft und Stillzeit wegen der Nebenwirkungen anderer Präparate empfohlen.
2) Symptomatische Therapien
Symptomatische Therapien sind von großer Bedeutung bei verschiedenen MS-Symptomen und eventuellen Komplikationen. Darunter fallen die medikamentösen Behandlungen von Blasenstörungen, Spastizität, Dekubitusprophylaxe, Lungenentzündung, Thrombosen und vielem mehr. Die besonders belastenden Koordinationsstörungen lassen sich dagegen nur sehr schwer medikamentös beeinflussen. Generell geht es nicht immer um die vollkommene Beseitigung der Symptome, sondern meist um ihre Linderung. Große Bedeutung in jeder Krankheitsphase kommen auch den krankengymnastischen, ergotherapeutischen und physikalischen Behandlungen zu. Auch das therapeutische Reiten soll nicht unerwähnt bleiben. Diese sollen die Bewegungsmöglichkeiten und die Selbständigkeit der Betroffenen so lange wie möglich fördern und erhalten. Viele Störungen und Verschlimmerungen treten erst durch die Inaktivität der Betroffenen auf.
3) Unkonventionelle Methoden
Nachfolgend werden diejenigen Therapieformen aufgelistet, die von konventioneller schulmedizinischer Seite zumindest zurückhaltend beurteilt, wenn nicht gar abgelehnt werden.
Diäten
Fast unüberschaubar ist die Zahl der verschiedenen Diäten, die alle mehr oder weniger den Anspruch erheben, bei der MS "wirksam" zu sein. Manchen hilft eine bestimmte Diät, anderen nicht. Sinnvoll ist wohl generell eine ausgewogene Vollwertkost. Ob eine bestimmte Diät hilfreich ist oder nicht, muß jeder Betroffene selbst herausfinden.
siehe auch Gesunde Ernährung
Weitere unkonventionelle Methoden
Zu den unkonventionellen Methoden gehören beispielsweise Homöopathie, Akupunktur, Ultraschall, Schlangengift, Megavitamintherapie, Fußreflexzonenmassage, Darmsanierung, um nur einige zu nennen. Die Liste ließe sich sicherlich endlos fortsetzen. Gemeinsam ist den meisten unkonventionellen Therapien, daß es einige positive Erfahrungen bei MS gibt, die sich nicht einfach auf andere Betroffene übertragen lassen. Es existieren jedoch keine groß angelegten Studien, die eine Wirksamkeit belegen oder widerlegen, vermutlich weil mit seriösen Methoden dieses Spektrums nicht viel Geld zu verdienen ist. Gemeinsam ist den meisten unkonventionellen Methoden auch, daß sie keine unerwünschten Nebenwirkungen haben und somit ungefährlich sind. Wie bei den Diäten muß letztlich jeder selber ausprobieren, was ihr oder ihm bekommt und was nicht.
Methoden mit Einfluß auf die Psyche und Psychotherapien
Gemeint sind Methoden, angefangen vom Autogenen Training, Feldenkrais, Yoga, Reiki bis zu den verschiedenen Psychotherapieformen, wie Analyse, Verhaltenstherapie, Gestalttherapie, Gesprächstherapie, Bioenergetik, Biodynamik, tiefenpsychologische Körpertherapie. Auch diese Aufzählung erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. In einigen Studien konnte die positive Wirkung psychotherapeutischer Begleitung MS-Betroffener belegt werden. Trotzdem wird den Betroffenen selten diese Möglichkeit aufgezeigt oder gar empfohlen. Immer mehr MS-Betroffene äußern jedoch von sich aus den Wunsch nach einer entsprechenden Unterstützung. Problematisch gestaltet sich dabei fast immer die Kostenübernahme durch die Krankenkassen.