Ursachen

Autoimmuntheorie:
Für eine starke Beteiligung des Immunsystems bei MS sprechen eine Vielzahl von immunologischen Befunden. Die meisten Autoren, die sich mit dieser Frage beschäftigen, gehen zur Zeit davon aus, daß die Störung bei MS in der T-Zellpopulation liegt. Möglicherweise haben die T-Helfer- oder die T-Suppressor-Zellen des Immunsystems der Betroffenen einen Defekt.

Slow-Virus-Hypothese:
MS wird schon lange aufgrund der entzündlichen Herde mit Infektionen in Verbindung gebracht. Die Hypothese besteht darin, daß ein Virus bereits in der Kindheit in den Bereich des Nervengewebes gelangt und dort nach jahrelanger Regungslosigkeit, eine chronische Abwehrreaktion auslöst. Womöglich unterdrückt das Virus auf Dauer die T-Suppressor-Zellen. Gegen die Slow-Virus-Hypothese spricht allerdings, daß es auch Kleinkinder mit der Erkrankung an MS gibt. Lange Zeit war dies von Neurologen ausgeschlossen worden, dennoch erkranken ca. 0,3 - 2% der MS-Betroffenen vor dem 15. Lebensjahr an MS.

Genetische Faktoren:
In Familienstudien zeigte sich ein erhöhtes Krankheitsrisiko für die Familienangehörigen der MS-Betroffenen. Die Verteilung des erhöhten Risikos für die verschiedenen Verwandtschaftsgrade ist aber für Erbkrankheiten im engeren Sinne untypisch. Ein gemeinsamer Umweltfaktor kann daher ebenfalls vermutet werden (das höchste Risiko haben die Geschwister der Betroffenen, 20-fach; gefolgt von den Eltern, 12-fach; den eigenen Kindern, 10-fach; und anderen Verwandten, 8-fach). In den Zwillingsstudien weisen höhere Konkordanzraten bei eineiigen Zwillingen auf eine genetisch mitdeterminierte Immunpathologie hin. Die Konkordanzrate bei eineiigen Zwillingen beträgt für die manifeste MS-Erkrankung 25%. Bei zweieiigen Zwillingen liegt sie dagegen nur bei 2% und entspricht damit dem allgemeinen Erkrankungsrisiko von Geschwistern. Die Empfänglichkeit für MS ist signifikant assoziiert mit dem HLA-DR2-Allel. Bis zu 70% der MS-Betroffenen weisen diesen HLA-Typ auf, im Gegensatz zur gesunden Bevölkerung mit nur 25%. Dennoch spricht vieles dafür, daß die MS nicht unbedingt durch Erbfaktoren begünstigt wird, sondern durch gemeinsame MS-begünstigende Umweltfaktoren für Familienangehörige in der Kindheit.

Stoffwechseltheorie:
Diese Theorie besagt, daß ein angeborener Fehler beim Einbau der ungesättigten Fettsäuren in das Myelin MS verursachen könnte.

Umweltfaktoren:
Die Prävalenzrate von MS zeigt eine interessante geographische Verteilung. Auf der Nordhalbkugel sinkt die Prävalenzrate von Norden nach Süden ab, auf der Südhalbkugel gibt es ein Süd-Nord-Gefälle. Es gibt einige Völker, bei denen MS überhaupt nicht vorkommt (z.B. die Bantu). In den USA erkranken im selben Wohnort Schwarze und Orientale sehr viel seltener als Menschen nordeuropäischer Herkunft. Emigrationsstudien aus Israel zeigen, daß das Erkrankungsrisiko des Gastlandes bei einer Emigration vor dem 15. Lebensjahr erworben wird. Nach dem 15. Lebensjahr bleibt das Risiko des Herkunftlandes erhalten. Nach einer intensiven Suche nach Umweltfaktoren scheint hier eine Slow-Virus-Infektion oder Sensibilisierung vor dem 15. Lebensjahr die beste Erklärung dieser Befunde.

Streß als Krankheitsursache:
LAZARUS (1981) bezeichnet mit Streß den Anpassungsmechanismus zwischen einer Person und den Umweltanforderungen. Bei andauerndem Streß, vorhandener Organvulnerabilität oder anderen hinzukommenden Umständen kann es leicht zum Ausbruch einer Erkrankung kommen. Nach ROGERS (1979) erhöht Streß die Vulnerabilität für Krankheiten, indem er eine immunsuppressive Wirkung ausübt. In vielen Untersuchungen hat sich gezeigt, daß große Veränderungen der Lebensumstände mit einem erhöhten Krankheitsrisiko einhergeht. Daß das Immunsystem durch verschiedenste Stressoren beeinflußt wird, gilt als bewiesen. Die genauen Zusammenhänge müssen durch weitere Untersuchungen geklärt werden. SENDLER (1993) kommt nach einer Auswertung von vier kontrollierten Gruppenstudien zur Frage "Streß vor MS-Ausbruch-Schub" aus den letzten elf Jahren zu dem Ergebnis, daß im überwiegenden Teil emotional belastende Erlebnisse dem Ausbruch/Schub vorausgingen.